Paulus schreibt: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
(1.Korinther 15,10; Monatsspruch für Juni)
Liebe Gemeindemitglieder, liebe Einwohner,
nun bin ich mittlerweile schon einige Tage in unserer Gemeinde angekommen, durfte die ersten Eindrücke gewinnen und viele neue Gesichter kennenlernen. Oft ist es ja so, dass die ersten Erlebnisse prägend sind und längere Zeit im Gedächtnis bleiben. Bei mir ist das gerade mit dem Felsencafé und dem Kiezfest in der Titiseestraße so. Mit so einem netten und von vielen Menschen und Gruppen gestaltetem Fest hatte ich gar nicht gerechnet. Ich durfte erleben, dass viele sich eingebracht haben. Stände wurden organisiert und betreut. Es wurde einfach angepackt und geholfen, wenn es nötig war.
Ich glaube es gibt nichts Schöneres für eine Gemeinschaft von Menschen, als sich füreinander einzusetzen mit den Dingen, die einem liegen, die man gut kann. Es ist einfach wunderbar, wenn einem etwas gut von der Hand geht und dies zugleich auch anderen nützt.
Auch der Apostel Paulus durfte erfahren, dass ihm ganz vieles gelang. Durch sein Wirken entstanden sehr viele erste christliche Gemeinden vor allem in Kleinasien und Griechenland. Die Entstehung des Christentums ist ohne ihn eigentlich gar nicht vorstellbar. Dennoch bleibt er bescheiden. Auch wenn er sich enorm engagiert und eingesetzt, eine unglaubliche Aufbauarbeit geleistet hat, weiß er doch ganz klar: Es kommt nicht durch meinen Fleiß, nicht durch meine Leistung. Es kommt letztlich nur dadurch, weil es mir von Gott geschenkt wurde.
Trotz des Erfolges bleibt er auch ehrlich sich selbst gegenüber. Er vergisst seine dunkle Vergangenheit nicht. Leugnet nicht, dass er Fehler gemacht hat als er ein Verfolger der Christen gewesen war.
Ich glaube, auch wir kennen beides bei uns selbst. Die Dinge, die wir leicht können, die uns gut von der Hand gehen und die, die daneben gehen, die einfach nicht gelingen wollen.
Ich bin froh, dass ich bei letzteren der vergebende Liebe Gottes gewiss sein darf.
Ich muss an Fehlern und Schwächen nicht zerbrechen.
Bei all den Sachen, die mir gut gelingen – und auch bei der berechtigten Freude darüber –, ist mit Paulus aber dringend zu raten, bescheiden zu bleiben und nicht etwa vor Stolz abzuheben. Wir haben ja so vieles einfach nur in die Wiege gelegt bekommen oder unserem Elternhaus zu verdanken.
Die Gesellschaft, in der wir leben, sagt uns leider oft etwas ganz anderes. Viele, die Erfolg haben, denken sie hätten das alles nur aus eigener Kraft geschafft und halten sich für etwas Besseres. Menschen, die weniger Gaben und Talente haben, werden sehr schnell verurteilt und schuldig gesprochen und haben dann wirklich kaum noch eine Chance. Es gibt so viel Menschenverachtung und so viel Überheblichkeit.
Jetzt könnte ich mich stundenlang über die schlechte Gesellschaft aufregen. Möglicherweise ginge es mir ja dabei besser, aber ob das wirklich etwas nützen würde?
Vielleicht ist es doch eher sinnvoller bei mir selbst und mit meinem Nächsten so anzufangen:
Fehler und Schwächen, die ich habe, auch dem anderen zuzugestehen.
Wenn der andere zu sehr abhebt, ruhig zu bleiben und zu wissen: Auch du kommst von alleine wieder runter und endest doch auch nur vor dem, der allein Richter ist.
Von den Gaben, die mir geschenkt sind, reichlich abzugeben.
Aus dem gnädigen Umgang miteinander, also mit sich selbst und mit dem Nächsten, entsteht eine gute Gemeinschaft. In der Kirchengemeinde, im Kiez und darüber hinaus.
Denn allein durch Gottes Gnade sind wir alle, was wir sind.
Ihr
Pfarrer Fred Pohle